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Chatprotokoll Teil I: "Stottern: ein Schicksal, mit dem man leben muß?"

Mittwoch, den 15. Januar 2003, 20:30 Uhr


Anwesend waren: Dr. Ulrich Natke Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Experimentelle Psychologie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, und Konrad Schäfers von der Bundesvereinigung der Stotterer-Selbsthilfe. Stottern beginnt meist schon in der frühen Kindheit und wirkt sich als große Belastung für die Betroffenen aus.Was Sie tun können, um einen vernünftigen Umgang mit dem Stottern zu erlernen, welche Ursachen die Störung hat, und welche Möglichkeiten der Bewältigung es gibt, konnten Sie mit Dr. Ulrich Natke und Konrad Schäfers am 15. Januar 2003 ab 20:30 Uhr diskutieren.

20:26:08 Moderator Wollen wir beginnen?
20:26:17 K.Schaefers Ja, gern
20:26:21 Dr_Natke Gerne.
20:26:25 Moderator Okay
20:30:12 Moderator Frage von gadamer: Guten Abend! Warum verlieren manche Menschen das Stottern in der Kindheit wieder, während es sich bei andern nicht verliert?
20:31:14 Dr_Natke Das weiß man noch nicht genau. Es lässt sich bisher nicht verhersagen, welche Kinder das Stottern wieder verlieren, und bei welchen es besetehen bleibt. Es gibt bislang lediglich gewisse Warnzeichen.
20:31:52 Moderator Frage von Celjas: Ist Stottern auch noch mit 21 heilbar?
20:33:18 Dr_Natke "Heilung" ist so eine Sache. Im engeren Sinne sind Heilungen nach der Pubertät extrem selten. Aber man kann auch im Erwachsenenalter seine Sprechflüssigkeit durch Therapien noch sehr steigern.
20:34:17 K.Schaefers ... und durch Selbsthilfe - zum Beispiel Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe
20:34:17 Moderator Frage von Celjas: Aber wie kann man steigern? Ich habe schon eine langjährige Therapie hinter mir und es hat nicht geholfen, Dr.Natke
20:35:24 Dr_Natke Es gibt zwei Hauptrichtungen der Stottertherapie, Fluency Shaping und die Stottermodifikation. Die Wirksamkeit beider Ansätze ist in Studien belegt. Letztlich muss aber der einzelne herausfinden, welcher Ansatz bei ihm funktioniert.
20:36:29 K.Schaefers Die Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe informiert und berät über Therapiemöglichkeiten!
20:36:37 Moderator Frage von Celjas: Dr.natke. Wie finde ich den geeigneten therapeuten?
20:36:39 Dr_Natke Ja, Herr Schäfers, die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe kann viel bewirken. Ich stottere selbst auch und habe auch jahrelang eine Selbsthilfegruppe besucht.
20:37:39 Moderator Frage von Celjas: Kann man das auch per Internet klären? Herr Schäfers?
20:37:52 Dr_Natke Die erste Adresse hierfür ist die BVSS, die Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe. Dort wird ein Therapeutenverzeichnis geführt und auch beraten. Auch in den Selbsthilfegruppen kann man Leute treffen, die von ihren Therapieerfahrungen berichten. Im Internet gibt es inzwischen auch schon viele Informationen, insbesondere zu Intensivangeboten.
20:38:23 Moderator Frage von Celjas: Was sind Intensivangebote?
20:38:35 K.Schaefers Es gibt bei der BVSS ein bundesweites Therapeutenverzeichnis, Adressen daraus gibt es in einer telefonischen Fachberatung. Kontakt über www.bvss.de
20:39:13 Moderator Frage von Minimaus: Weiß man woher stottern eigentlich kommt ?
20:39:16 Dr_Natke Therapien, die nicht einmal wöchentlich eine Stunde lang durchgeführt werden, sondern z.B. viermal eine Woche oder an Wochenenden - also zeitlich gesehen intensiv.
20:40:50 Dr_Natke Nein, die Ursache des Stotterns ist nicht bekannt. Es gibt Stottern schon seit Menschengedenken. Man weiß, dass es einen starken erblichen Einfluss gibt. Der führt möglicherweise zu einer Veranlagung zum Stottern. Dann können auslösende und aufrechterhaltende Faktoren aus den unterschiedlichsten Bereichen hinzukommen.
20:41:04 Moderator Frage von Celjas: Telefonische Beratungen sind für Stotterer eher nicht so geeignet
20:41:45 K.Schaefers Warum? Da sind Leute am Telefon, die jeden Tag mit Stotternden reden. Kein Problem!
20:42:32 Moderator Frage von Celjas: Jaja, aber disen ersten Schritt erstmal als Betroffener zu machen und dann auch noch telefonieren...
20:43:39 K.Schaefers Eine Therapie zu beginnen und einen Therapeuten zu suchen ist auch ein großer erster Schritt... Nur Mut! Die schriftliche Weitergabe von Adressen ist jedenfalls nicht sehr effektiv - das ist unsere Erfahrung.
20:43:54 Moderator Frage von Minimaus: Weiß man woher stottern eigentlich kommt ?
20:44:56 Dr_Natke Da habe ich bei 20:40:50 schon etwas zu geschrieben. Gibt es dazu noch eine konkrete Frage?
20:45:05 Moderator Frage von gadamer: Mein Vater hat auch gestottert, dann ist das also doch auch erblich - mir sagte man früher immer, daß Stottern nur psychisch ist. Dann stimmt das gar nicht so oder - Herr Schäfer oder Dr. Natke!
20:46:09 Dr_Natke Stottern ist auf jeden Fall nicht psychisch bedingt. Stotterer und Nichtstotterer unterscheiden sich nicht in ihren Persönlichkeitseigenschaften, sie bilden eine Querschnitt durch die Gesellschaft. Sie unterscheiden sich übrigens auch nicht in ihrer Intelligenz.
20:46:30 Moderator Frage von Celjas: Dr.natke. Stimmt es dass das Stottern aufgrund psychischer Probleme stärker wird?
20:46:44 K.Schaefers Vererbt wird die Veranlagung zum Stottern, nicht das Stottern selbst!
20:47:02 Dr_Natke Für einen Erbfaktor spricht die familiäre Häufung, genau. Außerdem haben stotternde Menschen häufiger stotternde Verwandte. Und Zwillingsstudien sprechen auch für einen genetischen Faktor.
20:47:18 Moderator Frage von marc82: Hallo. Ich stand letztens an einer Kasse an. Es war eine wirklich nette Kassiererin. Ich gab Ihr mein Geld und dann wollte Sie scheinbar etwas sagen, aber Sie hat so gestottert, dass ich Sie garnicht verstanden habe und bin beschaemt weggegangen... Im Nachhinein tut mir das Wahnsinnig leid und ich mache mir Vorwuerfe. Wie kann ich in Zukunft mit solchen Situationen besser umgehen? Ich wollte das nicht aber ich war einfach so verdutzt
20:48:11 Dr_Natke Celjas, manchmal kann Stottern dazu führen, dass große Ägnste oder Frustration auftritt. Unter Umständen kann es sinnvoll sein, diese Belastungen zusätzlich zu einer logopädischen Therapie zu behandeln.
20:48:19 Moderator Frage von Celjas: Herr Schäfers, meine Mutter schämt sich für mich und ich habe mich ein leben lang deswegen fertig gemacht, weil ich nicht perfekt für sie bin und sie enttäusche. Wie kann ich damit umgehen?
20:49:50 K.Schaefers Das hat sicher nicht unbedingt etwas mit dem Stottern zu tun, jedenfalls nicht ursächlich. Können Sie darüber mit ihr reden?
20:50:03 Dr_Natke marc82, Stotterer wollen möglichst "normal" behandelt werden. Sie benötigen nur mehr Zeit als Nichtstotterer. Man sollte auch versuchen, normalen Augenkontakt zu halten, ohne hinzustarren. Wegschauen kann nur die Scham erhöhen.

zur Fortsetzung des Protokolls Teil II



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