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Chatprotokoll Teil II: "Stottern: ein Schicksal, mit dem man leben muß?"

Mittwoch, 15.01.2003, 20:30 Uhr zurück zum Teil I


Anwesend waren: Dr. Ulrich Natke Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Experimentelle Psychologie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, und Konrad Schäfers von der Bundesvereinigung der Stotterer-Selbsthilfe. Stottern beginnt meist schon in der frühen Kindheit und wirkt sich als große Belastung für die Betroffenen aus.Was Sie tun können, um einen vernünftigen Umgang mit dem Stottern zu erlernen, welche Ursachen die Störung hat, und welche Möglichkeiten der Bewältigung es gibt, konnten Sie mit Dr. Ulrich Natke und Konrad Schäfers am 15. Januar 2003 ab 20:30 Uhr diskutieren.

20:50:34 Moderator Frage von Celjas: Gar nicht, Herr schäfers
20:52:15 K.Schaefers "Du bist okay, so wie Du bist" Hört sich wie ein Phrase an, ist aber ein guter Satz. Wie gesagt, hier spielt das Stottern sicher keine ursächliche Rolle. Sie sollten versuchen, mit Ihrer Mutter zu reden.
20:53:10 Moderator Frage von Celjas: Aber das habe ich mehrmals versucht.Sie hat mich aufgegeben, herr schäfers
20:53:43 K.Schaefers Woher wissen Sie das, wenn Sie nicht mit Ihr darüber reden?
20:54:12 Moderator Frage von Celjas: weil sie es anderen sagt
20:57:09 Moderator Frage von RolandPauli: Hat die Hamburg-Göttingen-Studie für mehr Anfragen in der Geschäftsstelle gesorgt, Konrad?
20:58:06 K.Schaefers Ja, aber eher aus dem Missverständnis heraus, dass sich aus der Studie bahnbrechende Ergebnisse für die Therapie ergeben haben...
21:07:17 Moderator Frage von psycho1234: Guten Abend Herr Natke! Sie sprachen anfangs von "Warnsignalen" bei Kindern. Meinten sie damit Signale die anzeigen könnten, daß dieses Kind zu denen gehört, bei denen das Stottern nicht wieder aufhört? Falls ja, wie sehen diese Signale aus?
21:08:45 Dr_Natke Genau, psycho1234. Dazu gehört z.B.: wenn der Stotterbeginn früh, also vor dem 3. Lebensjahr war, wenn stotternde Verwandte vorhanden sind, und wenn weitere sprachliche Auffälligkeiten wie z.B. phonologische Störungen da sind.
21:08:52 Moderator Frage von jochem: Dr. Nattke: Vielleicht klingt es komisch, aber kann man Stottern mit Sucht in Verbindung bringen?
21:09:51 Dr_Natke Klingt komisch, ja. Sucht wonach? Ich kann mir nichts denken. Stottern ist kaum mit Vorteilen verbunden.
21:10:01 Moderator Frage von scatman: kann man stottern durch hypnose heilen
21:10:54 Dr_Natke Es gibt Versuche, bei denen Stotternde während bzw. kurz nach einer Hypnose flüssig gesprochen haben. Das Stottern ist aber wieder gekommen. Von Heilung kann also keine Rede sein.
21:10:59 Moderator Frage von RolandPauli: Nach der Hamburg-Göttingingen scheint u.a. die Reizweiterleitung minimal verlangsamt sein. Warum denkst Du persönlich langt es dann nicht einfach, sich mehr Zeit zum Überlegen zu lassen und dann langsamer zu sprechen, Ullrich?
21:12:21 Dr_Natke Roland (wir kennen uns...): Das ist etwas einfach gedacht. Welcher Prozess soll genau verlangsamt werden? Die Studie, auf die Du Dich beziehst, hat nur sehr vage zu interpretierende Befunde geliefert, wie die Autoren selbst angeben.
21:12:28 Moderator Frage von Celjas: Dr.natke. Sie haben gesagt, dass auch sie stottern.Wie verlief ihr Studium? ich wollte eventuell auch studieren, traue mich aber nicht so recht wegen der vielen Vorträge, die man halten muss
21:13:58 Dr_Natke Nun, ich hatte gehofft, wenig reden zu müssen. Das hat nicht geklappt ;-) Ich musste etliche Vortäge halten und natürlich mündliche Prüfungen bestehen. Da musste ich durch. Während des Studiums habe ich eine Therapie gemacht und die Selbsthilfe besucht. Das hat mir dann sehr geholfen. Letztlich kann ich jedem nur raten, sich darin ausbilden zu lassen, woran er Interesse und Spaß hat. Bloß nicht vom Stottern aufhalten lassen!
21:14:08 Moderator Frage von scatman: gibts eine studie ob kinder mit stottern mehr sexuel belästigt werden
21:14:26 Dr_Natke Darüber ist mir nichts bekannt.
21:14:38 Moderator Frage von gadamer: Meine Mutter meint immer, daß ich doch einfach nur tief durchatmen soll und nicht ganz langsam reden, dann würde das sicher besser gehen? Herr Schäfer, Herr Natke, kann ich ihr das irgendwie sinnvoll ausreden, ich denke, das bringt gar nichts!
21:16:44 Dr_Natke Auffälligkeiten in der Atmung entstehen erst als Folge des Stotterns, also zu einem späteren Zeitpunkt. Sie sind also nicht Ursache des Stotterns. Atemtechniken können das Stottern zwar vermindern, sie schnitten aber im Vergleich verschiedener Theapieverfahren schlecht ab. Die Sprechflüssigkeit kann nicht gut aufrechterhalten werden. Vielleicht klappt es mit rationalen Argumenten, gadamer ;-)
21:21:44 Moderator Frage von Minimaus: Frage an Dr. Natke: Woher kommt stottern eigentlich ?
21:23:17 Dr_Natke Da habe ich oben schonmal kurz etwas zu geschrieben. Es scheint eine Veranlagung mit auslösenden und aufrechterhaltenden Faktoren zusammenzuwirken - ein multifaktorielles Problem. Es gibt starke Hinweise darauf, dass die Veranlagung im sprechmotorischen Bereich und der Ansteuerung des Sprachapparats durch das Gehirn liegt.
21:23:23 Moderator Frage von gadamer: Herr Schäfer, was macht man in den Selbsthilfegruppen? Von den Gruppen mit Epilepsie, da fand ich das immer nicht so arg gut.
21:25:51 Dr_Natke Ich antworte mal für Herrn Schäfers, falls es technische Probleme gibt: Sozialer Kontakt, Erfahrungsaustausch, gemeinsames Üben von Sprechtechniken, Öffentlichkeitsarbeit und so weiter. Ein buntes Programm.
21:26:03 Moderator Danke!
21:26:17 Moderator Frage von glow: Hallo ! Ich bin Stotterer! Habe im Sommer eine wundervolle Erfahrung gemacht ! Ich war auf einem Musik-Festival und habe es irgendwie geschafft mich, bei der Musik, heiser zu schreien! Ich habe klasse und spontan reden können. Ich klang sicherer und konnte das sprechen zum ersten mal geniesen . Und das ging 2 Wochen so. Ich hatte zum ersten mal das Gefühl mit mir Arbeiten zu können und nicht gegn mich! Ist das stottern eine Schockreaktion auf das Ausbleiben von Tönen?
21:28:22 Dr_Natke Das scheint mir eher etwas mit dem MAskeradeneffekt zu tun zu haben: Ändern stotternde Menschen die Art und Weise, wie sie sprechen, in irgendeiner Art und Weise, dann führt das zu flüssigerem Sprechen. Bei Ihnen scheint das die Heiserkeit gewesen zu sein. Das Stottern kehrt dann mit der Gewöhnung an die fremde Art wieder. Es taugt also nicht als Therapiemethode.
21:28:37 Moderator Frage von psycho1234: Hallo, Herr Dr. Natke! Sie sprachen anfangs von "Warnsignalen" bei Kindern. Meinten sie Signale, die zeigen könnten, ob ein kind wieder aufhört zu stottern, oder nicht? Falls ja, wie sehen sie aus? (die Signale:))
21:30:18 Dr_Natke Da habe ich oben schon etwas zu geschrieben: Z.B. ein früher Stotterbeginn, stotternde Verwandte, weitere sprachliche Auffälligkeiten, Linkshändigkeit. All das können Indizien dafür sein, dass das Stottern eher bestehen bleibt, als von selbst zu verschwinden. Dann ist eine Therapie bzw. eine Beratung sinnvoll.
21:30:24 Moderator Frage von Turbo: Gab es in den siebziger Jahren auch schon Möglichkeiten Stottern gezielt zu behandeln?Dr.Natke?
21:31:57 Dr_Natke Ja. Das berühmte Buch von Van Riper z.B. war zwar noch nicht übersetzt, aber es gab erste deutsche Fachartikel zur Stottermodifikation in den 70er Jahren. Heute sieht die Lage allerdings viel besser aus. Viele Therapeuten sind gut ausgebildet. Man muss allerdings danach fragen und sie gezielt suchen.
21:32:02 Moderator Frage von gadamer: Herr Dr. Natke, auch wenn Sie kein Arzt sind, aber hat man zufällig schon mal Zusammhänge zwischen Epilepsie und Stottern gefunden, weil Sie gerade davon sprachen, daß Stottern von der Veranlagung her im sprechmotorischen Bereich liegen könnte?
21:33:12 Dr_Natke Ja, Stottern soll unter Epileptikern stärker verbreitet sein.
21:33:28 Moderator Frage von peter12: was halten die experten von der Ropana-Methode?
21:34:21 Dr_Natke Ich bin mit der Methode leider nicht genügend vertraut, um darüber ein Urteil abgeben zu können.
21:34:49 Moderator Frage von Turbo: Die Seminarbeteiligung ist in letzter Zeit zurückgegangen.Womit bringt man das in Zusammenhang?Konrad Schäfers
21:36:20 Moderator möchten Sie vielleicht wieder antworten, Dr. Natke?
21:37:44 Dr_Natke Da kann ich nichts zu sagen. Die Beteiligung an Stotterer-Selbsthilfegruppen ist wohl auch zurückgegangen. Das ist sehr schade, denn sie können sehr viel bewirken.
21:40:52 Moderator Frage von Turbo: Ab welchem Alter sollte man sich mit einem stotterndem Kind in Behandlung geben?Dr.Natke??
21:43:12 Dr_Natke Das ist keine Frage des Alters. Wenn das Kind Reaktionen in Form von Anstrengungsverhalten oder Frustration zeigt, wenn die Eltern sich Sorgen machen oder wenn aufrechterhaltende Risikofaktoren vorliegen, sollte man fachlichen Rat in Anspruch nehmen. Nach eingehnder Diagnose wird entschieden, ob das Kind therapiert wird. Man kann heute bereits mit 3jährigen direkt am Sprechen und Stottern arbeiten. Also nochmal: Auf keinen Fall bis zu einer magischen Altersgrenze abwarten!
21:43:17 Moderator Frage von peter12: wie weit ist die Hirnforschung auf der Suche nach Ursachen des Stotterns?
21:45:11 Dr_Natke Die modernen bildgebenden Verfahren belegen heute frühere Forschungsergebnisse, nach denen stotternde Menschen häufiger Abweichungen von der normalen Verarbeitung von Sprache und Sprechen im Gehirn zeigen (sogenannte Lateralität). Leider beschränken sich die Untersuchungen meist auf Erwachsene, so dass man noch keine definitiven Aussagen über Ursache oder Folge machen kann.
21:45:16 Moderator Frage von Minimaus: Wie kommt es das Kinder erst mit 5 oder 6 Jahren an zu stottern fangen, Herr Dr-Natke ?
21:46:19 Dr_Natke Stottern beginnt üblicherweise zwischen dem 2. und 5. Lebensjahr, häufig dann, wenn die Kinder anfangen, Sätze mit mehr Wörtern zu bilden.
21:46:35 Moderator Frage von Turbo: Kann Stottern anerzogen werde????Dr Natke
21:48:01 Dr_Natke Nein, man hat das tatsächlich mal in einer sogenannten "Monsterstudie" Anfang des letzten Jahrhunderts versucht. Der genetische Einfluss wird auf 70-80% geschätzt, das ist sehr hoch. Stottern kann auch nicht durch Nachahmen anderer Stotterer entstehen. Das Stottern von Kindern hört sich anders an.
21:54:35 Moderator ich bedanke mich schon mal für Ihrer beider Mitwirkung
21:56:08 Moderator Frage von Celjas: DANKE an die beiden Experten
21:56:17 Dr_Natke Ich bedanke mich ebenfalls!
21:57:54 Moderator so - bleibt mir nur noch, Ihnen eine angenehme Nachtruhe zu wünschen
21:58:34 Moderator Auf wiedersehen!


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