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"Satan bist du unter uns?"

von Uwe Buse , Der Spiegel Ausgabe: Nr.36/03.09.01

Im sächsischen Reichenbach sprangen drei Jugendliche von einer Eisenbahnbrücke in den Tod. Freunde und Erwachsene im Ort suchen nach einem Schuldigen.

Das Rathaus der sächsischen Stadt Reichenbach hat zwei Weltkriege überstanden und zwei Diktaturen. Die Stufen im Treppenhaus sind aus Granit, die Türen aus altem Holz, und die Klinken liegen schwer und Vertrauen erweckend in der Hand. Im ersten Stock ist das Büro von Dieter Kießling, dem Oberbürgermeister Reichenbachs, über den die Bürger sagen, dass er ein guter Mensch sei, aber viel zu weich für diesen Job.

Kießling ist ein Mann mit einem ansehnlichem Bauch, einem runden Gesicht, und er steckt in einer Jacke, deren Ärmel ein bisschen zu lang sind. Aber vielleicht scheint das nur so, weil Kießling sich in den vergangenen Tagen in sich zurückgezogen hat, um Abstand zu dem Tag des Schreckens zu bekommen.

Es geschah am Sonntag vorvergangene Woche, am Vormittag. Kießling hatte gerade ein Freundschaftsspiel gegen die Fußballmannschaft der Freiwilligen Feuerwehr Reichenbachs hinter sich gebracht, und er war sehr zufrieden mir seiner Leistung als Stürmer, als er hörte, dass sich in der Nacht drei Jugendliche umgebracht hatten. Sie waren von der Göltzschtalbrücke gesprungen. "Das war fürchterlich", sagt Kießling. Seine Hände fallen kraftlos auf die Tischplatte.

Die Jungen heißen René, Mike und Mick. René wurde 18 Jahre alt, und auf Fotos sieht man kurz geschnittene blonde Haare, einen störrischen Blick und auf den Wangen hektische rote Flecken. Freunde sagen über ihn, dass er in der Gegenwart von Erwachsenen oft ruhig war und manchmal trotzig, dass er gern mit Jüngeren durch die Stadt zog und dann den Boss spielte.
Seine Nachmittage und Abende verbrachte er oft auf einem Kinderspielplatz hinter der Bahnhofstrasse, auf dem eine Torwand, eine Wippe, ein Klettergerüst stehen und ein Schild voller Verbote. Hunde sind hier nicht erlaubt, Fußballspielen auch nicht und Radfahren schon gar nicht. Man darf Müll in eine Tonne werfen. Sonst darf man nicht viel.

René spielte hier Fußball, er ballerte auf die Torwand, rempelte Mädchen von der Wippe und schrieb den Namen der Rockband Limp Bizkits mit schwarzen Filzstift auf den Wippensitz. Die Jungs und Mädchen nennen diesen Ort "Asi" , was eine Abkürzung für asozial ist, und sie tun das aus demselben Grund, aus dem sich schwarze Teenager "Nigger" nennen. Sie wollen stolz scheinen, gefährlich und unberechenbar.

In der Clique auf dem Platz war René derjenige, der am deutlichsten spürte, dass Reichenbach keine Abenteuer für sie bereithielt. René hatte die Realschule hinter sich gebracht, jobbte in einer Tiefbaufirma, für die er Strassen ausbuddelte, und er wusste, dass man sich in einer Kleinstadt, die kein Abenteuer bietet, Abenteuer schaffen muss.

Aus diesem Grund überredete er die anderen, in die verlassene Judendstilvilla hinter dem Spielplatz einzusteigen, um dort den Teufel zu beschwören. Die Villa ist ein runtergekommener, dreistöckiger Bau mit merkwürdigen Ornamenten über der Tür. Wenn man in der Dunkelheit an dem verwilderten Garten vorbeigeht, trockene Blätter und Scherben unter den Sohlen knacken und das Haus vor einem in die Höhe wächst, dann scheint es möglich, dass der Teufel hier ab und zu vorbeischaut, um eine Party zu feiern.

Also stiegen sie durch eine zerschlagene Scheibe ein, hockten sich in ein Zimmer, zündeten vier Kerzen an und malten einen Kreis aufs Holz. An den Rand des Kreises schrieben sie alle Buchstaben des Alphabets, und zum Schluss stellten sie ein Glas in die Mitte des Kreises, legten die Finger darauf, und einer fragte: "Satan, bist du unter uns?" Das Glas kroch dann erst zum J, dann zum A. Und dann stellten sie neue Fragen, und der Teufel beantwortete sie auf die gleiche Weise.

Anfangs war alles nur ein gruseliges Spiel, doch im Lauf der Zeit zweifelte René immer weniger daran, dass sie hier tatsächlich Kontakt zum Bösen aufnahmen. Ein paar Jungs und Mädchen bekamen Angst vor ihm. Mike nicht. Er war 17 Jahre alt, war auf dieselbe Schule wie René gegangen und glaubte, ihn gut genug zu kennen. Und Mike fürchtete sich auch nicht. Sagt eine Schulfreundin.

Mick war 14 Jahre alt, auf einem Foto sieht man einen blonden Jungen in einem weiß-blauen Fußballtrikot und Puma-Schuhen. Seine Freunde erzählen, dass er einer der besten Spieler in der C-Klasse des SV Empor Heinsdorf war, dass er immer genug Geld hatte, um sich die richtigen Jacken zu kaufen, dass er einen Computer mit Internet-Anschluss besaß und dass der vier Jahre ältere René sein Vorbild war, weil er viel Bier vertrug, ab und zu Ecstasy besorgte und mit ihm auf dem "Asi" die Drehkicks aus Jackie-Chan- Filmen übte.

Vor ein paar Monaten färbte sich René die Haare schwarz, trug nur noch dunkle Kleider und wollte immer häufiger Kontakt zum Teufel aufnehmen. Auf dem Boden des Spielplatzes malte er eine dreifache Sechs, ein satanistisches Symbol. Im Internet stöberte er nach Informationen über Teufelsanbeter. Und er sprach immer wieder über Selbstmord. Aber die anderen nahmen ihn nicht ernst. René redete viel und laut, wenn der Tag lang war.

Eine Woche bevor sie von der Brücke fielen, sollen René, Mick und Mike ihren Selbstmord im Internet angekündigt haben. 24 Stunden zuvor besuchten sie drei Mädchen in ihrem Zelt und sagten: " Ihr werdet uns nicht wieder sehen." Aber an dem Tag, an dem René, Mike und Mick von der Brücke fielen, sagten sie nichts. Sie kamen schweigend durch die Büsche hinunter auf den Spielplatz. Sie gingen vorbei an der Wippe, dem Klettergerüst, der Torwand und setzten sich ins Gras. René und Mick trugen Rucksäcke, in einem lagen drei Flaschen Bier. Sie öffneten sie mit einem Feuerzeug. Sie lachten nicht. Sie stritten nicht. Sie waren todernst und besprachen leise etwas, das die anderen nicht hören sollten. Gegen halb neun am Abend gingen sie fort.

Gegen elf wurden die drei das letzte Mal gesehen. Einer ihrer Freunde sah sie zur Göltzschtalbrücke laufen. Er wollte sie fragen wohin sie wollen, aber er hatte den Beginn des Wochenendes mit ein paar Bier gefeiert, und er saß auf seinem Moped, und von hinten kamen Polizisten in einem Wagen. Also hielt er nicht an und macht sich jetzt Vorwürfe.

Kurz vor Mitternacht dürften René, Mike und Mick den Fuß der Brücke erreicht haben. Es war eine klare Nacht, und die Silhouette der Brücke, ihre Bögen aus gemauertem Backstein, ihre Pfeiler aus Granit und das Eisengeländer ganz oben, in 78 Meter Höhe, zeichnete sich schwarz gegen den Himmel ab.

René, Mike und Mick gingen sehr wahrscheinlich über einen schmalen Pfad, der rechts vom Schotterparkplatz steil den Hügel hinaufführt. Am Ende des Pfades bogen sie nach links auf die Brücke, rechts war das Geländer, nur hüfthoch, man kann leicht hinüberklettern.

Sie tranken hier oben noch Wein, vielleicht war es auch Whisky, die letzten Bierflaschen ließen sie ungeöffnet auf den Steinen liegen. Irgendeiner hatte plötzlich ein Stück Seil in der Hand. Sie banden einander an den Handgelenken zusammen. Dann war die Brücke leer.

Sicher ist, dass die drei Jungs mit klarem Kopf gesprungen sind. In ihren Körpern fand man nur sehr wenig Alkohol und Reste synthetischer Drogen, die sie schon vor Tagen genommen hatten. Viel mehr ist nicht sicher. Die Jungs und Mädchen auf dem Spielplatz glauben, dass René Mick und Mike zu einem wirklichen großen Abenteuer überredet hat. In der Jacke eines Toten fand sich ein Brief mit dem Satz: "So habe ich mir das Leben nicht vorgestellt."
Es gibt einen vierten Jungen, der das Unglück aufklären könnte, aber er schweigt. Sein Spitzname ist Beck, und er war ein guter Freund des 14-jährigen Mick. Beck spielte mit ihm Fußball, surfte mit ihm durchs Internet, und er sollte auch dabei sein bei dem Gang zur Brücke. René hatte ihm gesagt: " Am Sonntag bist du längst tot."
Aber der Junge hatte Glück. Er konnte René, Mike und Mick nicht treffen, weil er bei seinen Eltern bleiben musste. Sie grillten.
Nach dem Selbstmord sprach die Polizei von "satanischen Praktiken" der Jugendlichen. Die Lokalzeitung berichtete über brennende Autos, die im Kennzeichen die teuflischen Zahl 666 trugen, ein Pfarrer der Stadt erinnerte an ein gotteslästerliches Transparent, das an seiner Kirche hing, und seither ist Reichenbach in den Boulevardzeitungen und TV-Magazinen ein Ort des Teufels.
Im Kopf von Oberbürgermeister Kießling spukt die Befürchtung, dass aus Reichenbach ein zweites Sebnitz werden könne, weil niemand die Probleme der drei Jungen bemerkt hatte. Die Stadt Sebnitz erlebte im vergangen Jahr ihren Image-GAU, weil zu unrecht behauptet wurde, dass im Freibad der Stadt ein sechsjähriger Junge von Rechtsradikalen ertränkt worden sei; Sebnitz war danach in den Medien zum Ort der teilnahmslosen gemacht worden.

"Wir haben getan, was wir konnten", sagt Kießling. Er lies den Familien sein Beileid ausrichten, er besuchte eine Mutter, hielt ihre Hand, er organisierte einen Gesprächskreis.

Das Obduktionsergebnis hat den Oberbürgermeister enttäuscht. Wenn es nicht die Drogen oder der Alkohol waren, vielleicht war es das Internet. Das Fernsehen. Der Kapitalismus. Der Teufel. Die Langeweile. Das Landleben. Irgendjemand muss ja schuld sein.



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